12.06.2026
Kreis Warendorf/Walstedde. Seit fünf Jahren klingelt bei Thorsten Allendorf aus Walstedde im Mai und Juni häufig um 4 Uhr morgens der Wecker. Der gelernte Tischler, der als Gruppenleiter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet und leidenschaftlicher Jäger ist, investiert seine Freizeit – wie viele andere Jäger und Helfer im Kreisgebiet – in die Wildrettung. Und das noch bevor sein eigentlicher Arbeitstag beginnt.
„Das frühe Aufstehen ist schon hart“, sagt der 38-Jährige Drohnenpilot. „Aber wenn man erst einmal draußen ist, geht es fast von allein.“ Die Motivation komme mit der Aufgabe, Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. „Wenn man dann noch einen herrlichen Sonnenaufgang erlebt, weiß, dass man etwas Gutes tut und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt, stellt sich jedes Mal eine tiefe Zufriedenheit ein.“
Dass die Arbeit von Allendorf, der die Rehkitzrettung in Walstedde koordiniert, Wirkung zeigt, belegen die Zahlen: An bislang 13 Einsatztagen konnten bereits 15 Rehkitze, vier Fasanengelege, ein Entengelege sowie 15 Junghasen aus den zu mähenden Flächen gerettet werden.
Die Behauptung, Jäger würden Rehkitze nur retten, um sie später zu erlegen, weist Thorsten Allendorf entschieden zurück. „Wer einmal ein Rehkitz gesehen hat, das im Mähwerk gelandet ist und mit abgetrennten Gliedmaßen qualvoll verendet, weiß, was Tierquälerei bedeutet“, sagt er. Für Jäger sei die Waidgerechtigkeit ein hohes Gut. „Nach diesem Werteverständnis darf nur geschossen werden, wenn ein sofort tödlicher Treffer mit hoher Wahrscheinlichkeit gewährleistet ist. Krankschüsse oder unnötiges Leiden gelten als schwere Verstöße gegen die Waidgerechtigkeit“, so der Walstedder Drohnenpilot. Zugleich verweist Allendorf daraufhin, dass Jäger gesetzlich verpflichtet seien, Wildbestände zu regulieren, um Überpopulationen sowie Schäden in Land- und Forstwirtschaft zu vermeiden.


Die Landwirte, die gesetzlich dazu verpflichtet sind, vor der Mahd ihre Flächen auf Wildtiere zu kontrollieren, sind dankbar für die Unterstützung seitens der Jägerschaft. Möchte ein Landwirt mähen, informiert er in der Regel zunächst den zuständigen Revierinhaber, der anschließend Kontakt zu Allendorf aufnimmt. Über eine WhatsApp-Gruppe koordiniert dieser die Einsätze und informiert die Helfer über Ort und Zeitpunkt der Wildrettung.
Über mangelnde Unterstützung kann sich der Wildretter nicht beklagen. „Im Durchschnitt sind wir mit bis zu zehn Helfern unterwegs. Das ist alles andere als selbstverständlich“, freut er sich über das große Engagement.
Während Allendorf die Drohne in rund 50 Metern Höhe über die Wiesen steuert, durchsuchen die Helfer die Fläche parallel und systematisch in Reihen. Erkennt die Wärmebildkamera eine auffällige Wärmequelle, kann der Drohnenpilot den nächststehenden Helfer gezielt dorthin leiten. Diese Methode habe sich als äußerst effizient und zeitsparend erwiesen. Schließlich gebe es unter den Helfern viele weitere Berufstätige, die nach dem Einsatz noch zur Arbeit müssen, erklärt der Jägersmann.
Wird tatsächlich ein Rehkitz entdeckt, nehmen die Helfer es mit behandschuhten und zuvor mit Gras eingeriebenen Händen auf und setzen es vorsichtig in eine verschließbare Klappkiste. Diese wird anschließend an einem geschützten Ort, etwa in einer Hecke oder am Feldrand, abgestellt. Nach Abschluss der Mäharbeiten werden die Kitze wieder in der Nähe des Fundorts freigelassen. Kitze und ihre Muttertiere, Ricken genannt, finden sich durch ihre Rufe wieder,“ erläutert Allendorf. Während Fasanengelege von Hühnern oder in Brutmaschinen ausgebrütet werden, bevor sie in die Wildnis entlassen werden, werden auch die Junghasen behutsam aus der Gefahrenzone getragen und in benachbarten Wiesen ausgesetzt.
Im vergangenen Jahr retteten die Helfer im Hegering Drensteinfurt/Walstedde insgesamt 45 Rehkitze, zahlreiche Junghasen sowie mehrere Fasanen- und andere Bodenbrütergelege. In manchen Jahren lag die Zahl der geretteten Kitze sogar bei rund 70 Tieren, berichtet Allendorf.
Bei gutem Wetter wird meist noch den gesamten Juni über geflogen und gesucht. Für Allendorf und seine Mitstreiter bedeutet das noch einige kurze Nächte mehr. Wie passend, dass Allendorfs Frau, Hanna Feldmann, auch Jägerin ist. Die Berufsschullehrerin hilft, wo sie kann, sie schmiert Brote für ihren Liebsten und kümmert sich um die Hunde, bevor beide zur Arbeit aufbrechen. Am Wochenende fährt sie zudem mit in die Flächen, um bei der Suche zu helfen.
Freude bereiten dem Team nicht nur die geretteten Tiere, sondern auch die Wertschätzung aus der Landwirtschaft. „Mal gibt es Kaffee oder Frühstück, mal eine Kiste Bier oder – wie von der Raiffeisen GmbH – einen Tankgutschein“, berichtet Allendorf. Auch die Jagdgenossenschaften unterstützen die Arbeit der Wildretter finanziell. Schließlich müssen Handschuhe, Transportkisten oder auch technische Ausrüstung bezahlt werden.
„Wir arbeiten Hand in Hand, völlig ehrenamtlich und in großer Einigkeit“, sagt Allendorf. Genau dieses Miteinander sei ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Wildrettung.
Auch Josef Roxel, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Warendorf, würdigt das Engagement der Ehrenamtlichen: „In unseren 19 Hegeringen sind 16 Drohnenteams mit 39 Piloten und 46 Helfern aktiv. Sie leisten Jahr für Jahr einen unschätzbaren Beitrag zum Tierschutz und bewahren zahlreiche Kitze, Junghasen und Bodenbrüter vor dem qualvollen Mähtod. Dafür gebühren ihnen unser Dank und unsere höchste Anerkennung.“

