12.02.2026
Kreis Warendorf.
Karneval: Die tierische Maskerade im Rhythmus der Jahreszeiten
Während die Menschen zur Karnevalszeit in bunten Kostümen fröhlich durch die Straßen ziehen, beginnt draußen in Wald und Flur ein ganz eigener Karneval. Er ist leiser, ursprünglicher und weniger auffällig, aber nicht minder vielfältig und lebendig. Zieht man in der jetzigen närrischen Zeit den etwas ungewöhnlichen Vergleich mit den Waldtieren, ist deren „Karneval“ kein einmaliges Ereignis, sondern ein ganzjähriges Schauspiel, das sich mit den Jahreszeiten wandelt und festen biologischen Regeln folgt.
Im Winter scheint der Wald auf den ersten Blick ruhig. Viele Tiere ziehen sich zurück, reduzieren ihre Bewegungen und sparen Energie. Doch diese Zeit ist keine Pause, sondern die Vorbereitung auf das kommende Jahr. Unter dickem Fell, dichtem Gefieder oder in geschützten Bauten laufen bereits Prozesse ab, die den späteren „Kostümwechsel“ ermöglichen. Der Winter ist die leise Ouvertüre des tierischen närrischen Jahres.
Im Frühling, mit den länger werdenden Tagen, beginnt die eigentliche „tierische Maskerade“. Ähnlich wie beim menschlichen Karneval geraten nun scheinbar feste Ordnungen ins Wanken.
Besonders auffällig ist der „akustische Karneval“. Im Frühling liefern sich Amseln, Rotkehlchen, Meisen und Co. regelrechte Gesangswettbewerbe, um Reviere abzugrenzen und Weibchen zu beeindrucken. Frösche stimmen abends ihre quakenden Chöre an, während Eulen mit geheimnisvollen Rufen durch die Nacht gleiten. Es ist die Zeit der Fortpflanzung, der Revierbildung sowie des Fell- und Gefiederwechsels.
Was auf den Menschen wie Unruhe oder gar Chaos wirkt, folgt in Wirklichkeit klaren biologischen Regeln. Anders als beim närrischen Treiben der Menschen, das nicht selten auch von Feierlaune und Alkohol beeinflusst ist, wird das Verhalten der Tiere durch Hormone, Instinkte und evolutionäre Anpassung gesteuert. „Bei den Tieren ist alles auf Fortpflanzung und Selbstschutz ausgerichtet,“ erklärt Josef Roxel, der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Warendorf.
Frühling und Frühsommer – Verwandlung und Sichtbarkeit
Parallel zu den Verhaltensänderungen zeigen sich bei den Tieren nun auch auffällige körperliche Veränderungen. Bei Reh-, Rot- und Damwild beginnt der jährliche Neuaufbau des Geweihs. Erpel legen ihr unscheinbares Tarnkleid ab und präsentieren sich im farbenprächtigen Balzgefieder. „Tarnung schützt vor Feinden,
auffällige Farben locken Partner an. Mit ihrer erhöhten Sichtbarkeit steigern einige Tiere ihre Fortpflanzungschancen und das Weitergeben ihrer Gene“, erklärt Tierärztin Dr. Antje Schulze Linzel aus dem Vorstand der Kreisjägerschaft.
Auch altersabhängige Unterschiede im Fell- und Federkleid gehören zum jahreszeitlichen Spiel. Besonders deutlich wird dies beim Schwarzwild: Frischlinge sind gestreift, Überläufer rötlich gefärbt, erwachsene Tiere dunkel und borstig. Jede Färbung erfüllt im jeweiligen Lebensabschnitt eine wichtige Schutzfunktion – ein Wechsel der „Kostüme“, der nichts mit Zufall zu tun hat.
Im Sommer erreicht das tierische Treiben seine lebendigste, aber ruhigere Phase. Jungtiere werden geführt, Insekten schwirren, und das Leben pulsiert in allen Lebensräumen. Der Wald gleicht nun weniger einem Umzug als einem belebten Festplatz, auf dem Wachstum und Vorbereitung auf die nächste anspruchsvolle Phase im Jahr im Mittelpunkt stehen.
Der Herbst bringt noch einmal große Auftritte. Die Brunft des Rotwildes ist der wohl eindrucksvollste Höhepunkt des tierischen Jahres. Röhrende Hirsche, imponierende Körperhaltungen und Revierkämpfe prägen diese Zeit. Gleichzeitig beginnt die Vorbereitung auf den
Winter: Nahrung wird gesucht, Reserven werden angelegt. Das Verhalten der Tiere wird ernster, kraftvoller und konzentrierter.
Während der menschliche Karneval auf wenige Tage begrenzt ist, folgt das närrische Treiben der Waldtiere einem ganzjährigen Rhythmus. Beide haben feste Zeiten, klare Regeln und erlauben zeitweise ein anderes Verhalten als im Alltag. Doch der Unterschied ist entscheidend: Der Mensch feiert, um dem Alltag zu entfliehen, das Tier folgt einem klaren Ziel: dem Fortbestand seiner Art.
Rücksicht als Voraussetzung
Für Naturbeobachter und Jäger bietet die Natur zu jeder Jahreszeit faszinierende Einblicke in ökologische Zusammenhänge. Um Paarung, Geburt, Aufzucht und Winterruhe der Tiere nicht zu stören, sollten – wie allgemein bekannt – Spaziergänger und Waldbesucher, auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und Hunde im Wald grundsätzlich angeleint sein.

iStock, Quelle: Ornitolog82
